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Leserbrief: Celle als lieblose Kulisse?

Am 26. Juni 2017 war in der Celleschen Zeitung auf Seite 14 unter dem Thema „Lesermeinung“ ein Auszug eines Leserbriefes der Cellerin Mechthild Becker zu lesen, den die Redaktion der Zeitung eingekürzt hatte. In dem Text schreibt Frau Becker aus Ihrer Sicht über die aktuelle Sichtweise der Celler Stadtverwaltung zum Thema Denkmalschutz. Wir veröffentlichen gerne den ungekürzten Leserbrief.

„Leserbrief zu dem Artikel: Zeit für „Frischzellenkur“

 

Wie geschickt ist es von einem Oberbürgermeister, der sich erst kürzlich in einer historisch geprägten Fachwerkstadt wählen lies, sich in der Zeitung darüber auszulassen, dass ein Fachwerkhaus für ihn nicht in Frage käme (winkt ab) und diese ja nicht die Bedingungen für modernen Wohnen entsprächen. Stimmt, modern wohnen kann man nicht in einem Fachwerkhaus – aber wunderbar wohnen kann man da durchaus, wir selber wohnen in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert, die CZ zeigte in ihren Reportagen immer wieder tolle Beispiele.

 

Nun soll also im Namen der Flexibilität und des „sich Rechnens“ das nachgeholt werden, was kein Stadtbrand, geschafft hat.  Geldmangel im 19 Jahrhundert sorge dafür, dass  der Modernisierungswunsch nur mit grauer Farbe und nicht mit neuen Steinhäuser umgesetzt werden konnte – heute empfinden wir dies als Glück. Selbst zwei Weltkriege haben es nicht geschafft, die einzigartige, erhalten Stadtstruktur zu zerstören. Allen noch in Gedächtnis ist der Film der NDR Landpartie – immer wieder wählte die Filmemacher Luftaufnahmen mit den historischen Dächer und Hinterhöfen – ob dies dann in 20 Jahren, nach der Fischzellenkur auch noch so wäre, ist fraglich.

 

Mir wurde ein Zitat von Oberbürgermeister W. Heinichen zugetragen, dass er es sehr bedauere den Bau für das Karstadtkaufhaus genehmigt zu haben. Dieses Gebäude – sogar als überraschende Architekturperle beschrieben und in anderen Zusammenhängen bestimmt schon selbst unter Denkmalschutz gestellt, fügt sich aber auch nach über 50 Jahren immer noch nicht ins Stadtbild ein – obwohl es gute Architektur ist. Celle ist nun mal eine historische Stadt, dies ist das Erbe und die Verantwortung für die Stadtplaner.

 

Die Hinterhöfe sind ein Schatz, E. Rüsch schrieb ein ganzes Buch darüber, der dringend gehoben werden muss, aber nicht mit dem Abrissbagger – sondern, natürlich ist das eine idealisierte Vorstellung, aber meine Meinung – mit liebe zu alten Balken und Gemäuern, Innovation und Gestaltungswille und Respekt vor der alten Stadt – man kann nicht in jeden Schweinestall Wohnungen einbauen? Aber es gibt immer gute Lösungen, die sich auch tragen – allerdings  ohne maximale Gewinnausbeute und somit für Investoren uninteressant – soll die Stadt ihnen zu liebe den Ausverkauf starten? Gastronomen und Händler in der Innenstadt machen es ja schon vor, in dem wunderschöne Sitz- und Verkaufsflächen geschaffen wurden. Da muss man ansetzen und Anreize schaffen. Verbindungswege zwischen den Höfen, evtl. sogar Zwischen freigeben (das Schnoor in Bremen hat auch sehr enge Wege) und so den Cellern und Touristen diese Welt immer mehr öffnen.

 

Ich hoffe sehr für die Stadt Celle, das es genügend Menschen gibt, die auch diese Hinterhof – Einzigartigkeit Celles bewahren wollen – und nicht, wenn erst mal die Hinterhöfe weg sind, evtl. auch flexibler mit den Häusern hinter den Fassaden umgegangen wird und dann wird Celle nicht zum Museum sondern zu einer lieblosen Kulisse – eine schreckliche Vorstellung.“

 

Text: Mechthild Becker
Fotos: Creative Commons CC0

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